
Das Pelion, das Gebirge der 24 historischen Dörfer und Dutzender kleiner Siedlungen, der üppigen Natur und reichen Kultur, der eigenen Küche und der unverwechselbaren Architektur, hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten.
Es hat aber auch eine bedeutende Geschichte, die man kennen sollte, bevor man es besucht. Die ersten Spuren menschlicher Besiedlung reichen weit in die Frühzeit zurück, und in jeder Epoche, von der Antike bis heute, wurden hier wichtige Kapitel Geschichte geschrieben. Überlieferungen, Legenden, faszinierende Mythen und echte Schlachten sind mit dem Pelion verbunden; Fabelwesen, Krieger und Helden zogen über seine Pfade oder lebten hier. Jede Gegend und jedes Dorf hat seine eigene Geschichte, wie es besiedelt wurde und zu seinem Namen kam, doch einige große Ereignisse haben das ganze Gebirge geprägt und weit über seine Grenzen hinaus bekannt gemacht.
Mythologie
Mit seiner herrlichen Natur und seiner geheimnisvollen Stimmung musste das Pelion die Menschen der Antike einfach in seinen Bann ziehen – viele Geschichten der griechischen Mythologie spielen hier.
Der Sage nach lebten auf dem Pelion die legendären Kentauren, seltsame Fabelwesen, die aus der Verbindung von Ixion, dem König der Lapithen in Thessalien, und Nephele hervorgingen. Deshalb wird das Pelion oft „Berg der Kentauren“ genannt. Bis zur Hüfte waren sie Menschen, darunter Pferde; sie liebten Wein und Frauen und galten als ziemlich angriffslustig. Der bedeutendste und bekannteste unter ihnen war Chiron, Sohn des Kronos und der Okeanide Philyra. Er lebte in einer Höhle am Pelion und lehrte die Heilkunst – mit den heilenden Kräften der Bergkräuter –, aber auch die Jagd, die Kriegskunst und die Musik. Er war der Lehrer vieler Helden der griechischen Mythologie wie Achilleus, Theseus und Jason, und bei ihm wuchs auch Asklepios auf, der erste Arzt der Menschen, dem Chiron die Geheimnisse der Heilung von Krankheiten und Wunden beibrachte. Das Pelion war in der Antike ohnehin für seine Kräuter und Pflanzen berühmt, die viele Leiden heilen konnten. Anders als die meisten Kentauren war Chiron gerecht, weise, tugendhaft und den Menschen freundlich gesinnt. Bei Milies zeigt man bis heute die Höhle, die der Überlieferung nach seine Wohnstätte war.
Auch die Gigantomachie verlegt der Mythos an das Pelion: Die Giganten wollten das Pelion aus seinem Platz reißen und auf den Kissavos, den antiken Ossa, türmen, um zu den Göttern des Olymp hinaufzusteigen und sie zu vertreiben. Hier fand der Sage nach auch die Kentauromachie statt, der Kampf der Kentauren gegen die Lapithen um die schöne Hippodameia.
Der Überlieferung nach wurde auf dem Pelion auch die Hochzeit von Peleus, dem König der Myrmidonen, und der Nereide Thetis gefeiert – den Eltern des homerischen Achilleus, des Helden des Trojanischen Krieges. Beim Festmahl warf Eris, die Göttin der Zwietracht, die nicht eingeladen worden war, den „Zankapfel“ mit der Aufschrift „Der Schönsten“ unter die Gäste. So begann der erste „Schönheitswettbewerb“ der Mythologie: Paris, Prinz von Troja und Schiedsrichter, gab den Apfel Aphrodite und zog sich damit den Zorn von Hera und Athene zu – dieser Streit wurde zum Anlass des Trojanischen Krieges.
Die Götter des Olymp hatten sich das Pelion offenbar als Sommersitz ausgesucht, und auf seinem Gipfel lag das antike Heiligtum des Zeus Akraios. Dorthin stiegen die Bewohner der Gegend Mitte Juli, an den heißesten und trockensten Tagen des Jahres, um Zeus um ein wenig Regen zu bitten.
In der Region Magnesia spielt auch der Mythos von den Argonauten, der Überlieferung nach vor rund 3.500 Jahren. Ein Orakel hatte prophezeit, dass Pelias, König von Iolkos, seinen Thron an den „Mann mit der einen Sandale“ verlieren würde. So nannte man Jason, der eine Sandale verloren hatte, als er den Sturzbach Anavros bei Alli Meria durchquerte. Als Pelias ihn mit nur einer Sandale vor sich sah, bekam er Angst und schickte ihn, um ihn loszuwerden, auf eine weite Reise nach Kolchis, um das Goldene Vlies zurückzuholen, ein Symbol für Reichtum und Wohlstand – in der Überzeugung, dass er nie zurückkehren würde. Für die Fahrt wurde die Argo gebaut, ein sehr schnelles und leichtes Schiff, ein Werk des berühmten Schiffbauers Argos aus Holz vom Pelion. Die Expedition brach im antiken Iolkos auf, im Gebiet des heutigen Volos, und einige der größten Helden der Antike nahmen daran teil, etwa Herakles. Nach örtlicher Überlieferung legten die Argonauten auch an Orten des Pelion an, etwa in Argalasti und Afissos, wo sie sich an der Quelle mit Wasser für die lange Reise versorgten.
In den Wäldern des Pelion lebten schließlich die Dryaden, die Nymphen der Bäume und Wiesen. Es waren junge, wunderschöne weibliche Wesen, die in der Wildnis und in Höhlen lebten und durch die Berge streiften. Solange es Wasser gab, waren sie fröhlich, denn dann konnten Pflanzen, Tiere und Menschen leben; versiegten aber die Quellen, verschwanden auch sie.
Antike
Um 294 v. Chr. gründete der makedonische König Demetrios Poliorketes („der Städtebelagerer“) die Stadt Demetrias neben dem heutigen Volos. Sie wurde zum Mittelpunkt des Lebens der Magneten und läutete eine neue Epoche für die Pelion-Region ein.
In der Pelion-Region sind zahlreiche antike Städte und Siedlungen belegt: Achilleion am Rand von Anilio, der Überlieferung nach von Achilleus selbst gegründet; das antike Methoni, kurz hinter Ano Lechonia; das antike Koropi; Spalauthra bei Horto; und Kasthanaia, vor dessen Küste 480 v. Chr. ein großer Teil der persischen Flotte des Xerxes in einem Sturm unterging. Zu den wichtigsten Städten des antiken Magnesia gehörte Olizon, nahe dem heutigen Milina. Sein König war Philoktet, der vor Troja kämpfte und Titelheld der gleichnamigen Tragödie des Sophokles ist.
Schon seit Homer gaben antike Dichter und Schriftsteller dem Pelion viele beschreibende und ehrende Beinamen: Homer nennt es „einosiphyllon“, mit Blättern, die im Wind zittern; außerdem hieß es „mega“ (groß) wegen seiner Erhabenheit, „polypharmakon“ (reich an Heilmitteln) wegen seiner unzähligen Heilkräuter und „ylien“ (bewaldet) wegen seines Holzreichtums.
Byzantinische Zeit
In frühbyzantinischer Zeit gehörte Magnesia wie ganz Thessalien verwaltungsmäßig zu Makedonien. Die Region wurde von Goten und später von Slawen heimgesucht und geplündert, und das Pelion verödete; keine seiner Städte konnte sich entwickeln. In mittel- und spätbyzantinischer Zeit dagegen entstanden so viele Klöster und ließen sich so viele Mönche nieder, dass das Pelion einem großen Mönchsstaat glich. Eine wichtige Rolle spielte die Adelsfamilie der Maliasenoi, die im 13. Jahrhundert in der Gegend Klöster gründete und stiftete. Um diese Klöster herum entstanden später die heutigen Pelion-Dörfer. Leider sind die meisten der alten Kirchen nicht erhalten; an ihre Stelle traten prächtige nachbyzantinische Kirchen.
In spätbyzantinischer Zeit, vor allem nach dem Vierten Kreuzzug (1204), fielen einige fruchtbare Gebiete des Pelion wie Lechonia an lateinische Herren und Venezianer. Noch heute sind Ruinen von etwa zwanzig Festungen erhalten, die damals einheimische Feudalherren und Venezianer zum Schutz vor den Piraten bauten, dem Schrecken der Bewohner jener Zeit.
Osmanische Herrschaft
Unter osmanischer Herrschaft wurden die heutigen Pelion-Dörfer gegründet und wuchsen heran. Magnesia fiel 1423 endgültig an die Osmanen. Die Eroberer interessierten sich nicht für das gebirgige Pelion; sie ließen sich in den reicheren Ebenen und Vorbergen nieder, etwa in Lechonia und Argalasti, und vertrieben die Einheimischen. So flohen diese, zusammen mit vielen „Rajas“ (christlichen Untertanen des Reiches) aus dem thessalischen Küstenland, von Euböa und den Ägäis-Inseln, in die Berge, um dort Sicherheit zu finden. Rund um die alten Klöster errichteten sie Siedlungen, aus denen später berühmte Dörfer wie Makrinitsa und Zagora wurden. Die Osmanen gewährten den 24 Dörfern des Pelion Privilegien: 14 waren „Vakoufia“, gehörten also religiösen und wohltätigen Stiftungen, die übrigen „Chasia“, persönlicher Besitz des Sultans. In den Vakoufia wie Argalasti und Makrinitsa waren die Steuern niedriger, weshalb sie wirtschaftlich stärker aufblühten. Eine feste Regel war das freilich nicht: Zagora erlebte, obwohl es ein „Chasi“ war, dank seines Handels und seiner in vielen Liedern besungenen „Schiffe von Zagora“, die Waren durch das ganze Mittelmeer bis in den Orient brachten, glanzvolle Zeiten.
Ab etwa 1750 begann für das Pelion eine Zeit großer wirtschaftlicher und geistiger Blüte. Pelion-Produkte wurden im ganzen Mittelmeerraum gehandelt, während liberale Ideen und der Geist der europäischen Aufklärung das Gebirge erreichten und den Boden für die Griechische Revolution bereiteten. Die Griechische Schule (Ellinomouseio) von Zagora, an der der Überlieferung nach Rigas Feraios lernte, und die Schule von Milies sind nur zwei Beispiele für dieses geistige Leben.
Die Revolution am Pelion
Die Dörfer des Pelion beteiligten sich aktiv an der Revolution von 1821. Der Gelehrte Anthimos Gazis rief am 7. Mai 1821 in Milies nach dem Gottesdienst in der Kirche Pammegiston Taxiarchon den Aufstand aus. Ihm schlossen sich weitere Mitglieder der Filiki Etaireia (des Geheimbundes hinter der Revolution) und einheimische Kapitäne wie Kyriakos Vasdekis an. Doch der Aufstand, der mit der Belagerung der Burg von Volos begann, wurde von den Truppen Mahmud Pascha Dramalis blutig niedergeschlagen.
Nach 1830 begannen die Bewohner des Pelion, an die Küste hinunterzuziehen und dort Häuser zu bauen. Der Hafen von Volos wurde zum Bindeglied zwischen dem freien und dem noch besetzten Griechenland.
Die Menschen vom Pelion beteiligten sich auch aktiv an den Aufständen von 1854 und 1878, und das Pelion wurde schließlich mit dem Anschluss Thessaliens an Griechenland frei: Am 2. November 1881 zog die griechische Armee in Volos ein.
Neuere Zeit und Zweiter Weltkrieg
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zwangen schwierige politische und wirtschaftliche Verhältnisse viele Menschen vom Pelion zur Auswanderung, vor allem nach Ägypten, auf der Suche nach einem besseren Leben. Dort erwarben sie Bildung und Wohlstand und schickten einen großen Teil ihres Vermögens in die Heimat, die eine neue Blütezeit erlebte. Viele Herrenhäuser des Pelion wurden damals mit dem Geld der Ägyptengriechen gebaut und verleihen der Gegend bis heute einen besonderen Glanz.
Auch das 20. Jahrhundert brachte dem Pelion keine Ruhe. Im Zweiten Weltkrieg verwüsteten die Besatzer buchstäblich viele Dörfer, in denen sich Widerstand formiert hatte, etwa Zagora, Portaria und Milies, und richteten viele Patrioten hin.
Der wohl tragischste Fall ist Drakia, das zum „Märtyrerdorf“ erklärt wurde, nachdem die Deutschen am 18. Dezember 1943 118 Einwohner erschossen hatten. Heute erinnert im Dorf ein Kenotaph mit den Namen aller Opfer an das Massaker.
Mit einem Präsidialdekret von 1980, dem sogenannten „Pelion-Dekret“, wurden besondere Bauvorschriften erlassen und die Pelion-Dörfer zu traditionellen Siedlungen erklärt, aufgeteilt in Schutzzonen.
Heute bewahrt das Pelion seinen traditionellen Charakter und geht zugleich mit der Zeit. Es ist zu jeder Jahreszeit eines der beliebtesten Reiseziele griechischer und ausländischer Besucher, und viele seiner Dörfer haben einen beachtlichen touristischen Aufschwung erlebt. Seine Bewohner, stolz auf ihre Geschichte und Kultur, empfangen die Gäste herzlich und zeigen ihnen gern ihre gesegnete Heimat.
Pelion in 6 Kapiteln
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