PELION KENNENLERNEN · 06

Bräuche & Traditionen

Hochzeiten, Dorffeste und alte Rituale

8 Min.8 Abschnitte

Wie fast jede Ecke Griechenlands hat auch der Pelion seinen ganz eigenen kulturellen Charakter, mit Sitten und Bräuchen, die bis heute lebendig sind und jeden verzaubern, der sie kennenlernt.

Über die Jahrhunderte hat die Volksseele hier eine besondere Tradition hervorgebracht: schöne Mythen aus der Fantasie der Einheimischen, Märchen, Sprichwörter, Volkslieder und Bräuche. Im Folgenden lernen Sie einige der Rituale und Feste kennen, die es im Pelion noch gibt, etwa die traditionelle Pelion-Hochzeit, Bräuche rund um bestimmte Feiertage sowie Kulturveranstaltungen, die diese Tradition lebendig halten, sie mit Besuchern teilen und an die jüngeren Generationen weitergeben.

Die Pelion-Hochzeit

Rund um die großen Stationen des Lebens – Geburt, Taufe und Hochzeit – haben die Menschen im Pelion eine ganze Reihe von Ritualen entwickelt. In Dörfern wie Portaria und Trikeri wird die traditionelle Pelion-Hochzeit immer wieder nachgestellt. Sie gehört zu den bekanntesten Bräuchen der Gegend, voller volkskundlich wertvoller Momente, die Besucher begeistern und bei Einheimischen Erinnerungen wecken. Die Inszenierung dauert mehrere Tage. Eine Woche vor der Hochzeit ziehen zwei, drei junge Männer mit dem Flambouro, dem Hochzeitsbanner, durch die Straßen und verkünden die frohe Nachricht. Am Mittwoch finden die „Alevromata“ statt, bei denen Bräutigam und Braut mit Mehl bestäubt werden, und am Donnerstag wird das Hochzeitsbrot geknetet. Am Freitag wird die Aussteuer der Braut im Elternhaus ausgestellt, es wird mit Musik gefeiert, und die Verwandten stecken Geldscheine an die Aussteuer; danach wird sie ins neue Haus gebracht. Am Vorabend der Hochzeit folgen die „Stavrodeipna“: Bräutigam und Braut feiern getrennt, jeder in seinem Elternhaus. Am Sonntag ist die Trauung, danach wird auf dem Dorfplatz zu traditioneller Musik groß gefeiert.

Bei der Nachstellung tragen die Frauen des Dorfes prächtige bestickte Trachten, und die Lieder werden von traditionellen Instrumenten begleitet. Noch ein paar Bräuche der Pelion-Hochzeit:

Die Rasur des Bräutigams. Im Pelion, wie in vielen Gegenden Griechenlands, rasieren die Freunde den Bräutigam bis heute vor der Hochzeit. Früher seiften sie ihm das Gesicht ein und taten so, als wollten sie ihn mit einer Axt rasieren. Um davonzukommen, versprach er ihnen ein Festessen. War das Angebot nicht gut genug, wurde aus der Axt eine Säge. Die Versprechen gingen weiter, bis die Freunde zufrieden waren – erst dann kam ein richtiges Rasiermesser zum Einsatz.

Die Bratimi oder Vlamides. Bräutigam und Braut wählen jeweils einige enge Freunde als Bratimi und Bratimisses, eine Art Trauzeugen und Brautjungfern. Der Tradition nach muss ihre Zahl ungerade sein (3, 5 oder seltener 7, getrennt für Braut und Bräutigam), damit die Ehe glücklich wird. Die jungen Männer tragen Tücher über den Schultern, die jungen Frauen Blumen, und alle helfen bei den Vorbereitungen. Eine Regel gilt: Die Vlamides müssen unverheiratet sein.

Die Schuhe der Braut. Während sich die Braut schmückt, nehmen ihre unverheirateten Freundinnen ihren rechten Pumps und schreiben ihre Namen auf die Sohle. Es heißt, wessen Name sich zuerst abläuft, die heiratet als Nächste.

Die Hochzeitsmandeln. Unverheiratete junge Frauen nehmen aus der Tasche des Bräutigams ein paar gesegnete Zuckermandeln (Koufeta) und legen sie noch am selben Abend unter ihr Kopfkissen. Von wem sie dann träumen, der wird ihr zukünftiger Mann.

Die Maides von Makrinitsa

Die Maides sind ein Brauch aus Tanz und Theater, benannt nach dem Mai, dem Frühlingsmonat schlechthin. Er feiert das Wiedererwachen von Leben und Natur im Frühling, und seine Wurzeln werden im Kult des Dionysos gesucht. Früher fand er am 1. Mai statt; heute wird er auf dem Platz von Makrinitsa aufgeführt, wo die jungen Leute des Dorfes Trachten anziehen, sich mit Blumen schmücken und den Mai mit Tänzen und Liedern begrüßen. Die Maides von Makrinitsa sind im Nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes Griechenlands eingetragen.

Ein junger Mann stellt den Mai dar: Sein Körper ist mit Blumen der Saison bedeckt, auf dem Kopf trägt er einen bunten Blumenkranz und in der Hand den Mayoxylo, den Maienstab. Um ihn herum stehen die Zeibekides, maskierte junge Männer in roten Westen und Pluderhosen, mit Quastenfes und breiten Schärpen, in denen Säbel und Pistolen stecken. Die Zeibeks waren irreguläre Kämpfer aus dem westlichen Kleinasien in osmanischer Zeit. Begleitet von Volksmusikern zieht die Truppe tanzend und singend von Haus zu Haus und sammelt die üblichen Gaben ein. Außerdem gehören dazu der Genitsaros (Janitschar) als Anführer, das „Mädchen“ (ebenfalls ein verkleideter Mann, oft mit üppigem Schnurrbart), der Hodscha (ein türkischer Geistlicher) in weitem Gewand und Turban, der Zigeuner und die Zigeunerin mit geschwärzten Gesichtern und Beinen, der Arzt und andere mehr.

Auf dem Höhepunkt der Aufführung belästigt jemand das „Mädchen“ auf anzügliche Weise, und es kommt zu einem „Mord“. Der Arzt versucht vergeblich, den Toten zu retten, bis der Mai ihm eine Blume zum Riechen auflegt – und unter Tanz und Gesang wird der Tote wieder lebendig.

Der Brauch reicht bis in die osmanische Zeit zurück. Nach Unterbrechungen in den schweren Jahren des 20. Jahrhunderts wurde er 1957 und erneut 1976 wiederbelebt und wird seitdem fast jedes Jahr aufgeführt.

Klidonas

Der Klidonas wurde in Afetes und Agios Dimitrios wiederbelebt, rund um das Fest Johannes des Täufers am 24. Juni. Es ist ein Mädchenbrauch mit antiken Wurzeln, bei dem die jungen Frauen ihr Schicksal und ihr „Glück“ erfahren wollen. Am Vorabend, dem 23. Juni, versammeln sich die unverheirateten Mädchen in einem Haus, und eine von ihnen füllt einen Krug am Dorfbrunnen. Auf dem Hin- und Rückweg darf sie kein Wort sagen, denn sonst verliert der Klidonas seine hellseherische Kraft. Das „stumme Wasser“ wird in einen Bakiri, ein Kupfergefäß, gegossen, und jedes Mädchen wirft etwas Persönliches hinein, einen Ring oder eine Brosche – ihr „Zeichen“. Das Gefäß wird mit einem roten Tuch bedeckt und über Nacht ins Freie gestellt, während die Mädchen darum herum singen. Am nächsten Tag, nach der Messe, bringen sie es singend ins Haus zurück: „Anoigoumi ta Klidouna stou Ai-Gianniou ti chari, ki oti ini tychiro tha vgei tou rizikari“ („Wir öffnen den Klidonas zu Ehren des heiligen Johannes, und was Glück bringt, kommt heraus“). Dann wird es aufgedeckt. Ringsum stehen Dichterinnen, die Zweizeiler vortragen, die Rizikaria. Bei jedem Zweizeiler zieht ein Mädchen ein Zeichen aus dem Wasser und hält es hoch; wem das Zeichen gehört, dem gehört auch die „Weissagung“. Das geht so weiter, bis alle Zeichen heraus sind – und ist der Vers für ein Mädchen nicht gut, wird es sein Zeichen wohl lieber nicht abholen.

Es gibt auch eine andere Variante: Sobald die Mädchen wieder zu Hause sind, nimmt jede ein wenig stummes Wasser in den Mund und geht durch die Nachbarschaft. Der erste Männername, den sie hört, ist der Name ihres zukünftigen Mannes.

Die Aufführung des Klidonas wird von traditionellen Tänzen begleitet, und zum Abschluss werden wie üblich die Maikränze verbrannt.

Karnevalsbräuche

Auch zur Karnevalszeit füllt sich der Berg der Kentauren mit schönen traditionellen Festen. Herausragend sind die Koudounades, die Glockenträger, von Drakia am Karnevalssonntag: Nachdem sie die Häuser des Dorfes besucht haben, treffen sie sich auf dem Platz und feiern mit den Besuchern bei Musik und Tanz bis zum Morgen. Sehenswert sind auch die Karnevalsfeste rund um Agria (die frühere Gemeinde Iolkos) und Mouresi, mit Karnevalsumzug, Bändertanz (Gaitanaki), der Verbrennung des Karnevalskönigs und dem Start eines Heißluftballons. In Afetes schließlich gibt es einen Drachenwettbewerb, während in Makrinitsa das Entzünden des „Afanos“ wiederbelebt wird.

Panigyria und Feste

Jedes Jahr finden in den meisten Pelion-Dörfern Panigyria (Kirchweihfeste), Festivals und Kulturveranstaltungen statt, die das jeweilige Dorf ins Rampenlicht rücken und ihm Besucher und Leben bringen. Bei diesen „Pangyria“, wie man hier sagt, ehren die Einheimischen den Schutzheiligen des Dorfes – und lassen sich dabei den örtlichen „Geist“ nicht entgehen, der für beste Stimmung sorgt. Ihr fröhliches Wesen zeigt sich in ausgelassenen Tänzen zu traditioneller Musik und Liedern, und gegessen und getrunken wird bis spät in die Nacht. Solche Feste finden Sie in fast jedem Dorf, vor allem im Sommer.

Neben den Heiligenfesten feiern viele Dörfer auch andere Anlässe oder ihre traditionellen Produkte. Eines davon ist das Tsipouro-Fest in Katichori, bei dem zu traditioneller Musik und Liedern das Brennen des Tsipouro, des örtlichen Tresterbrands, nachgestellt wird, den die Besucher anschließend probieren. Ähnlich geht es in Stagiates beim Wurstfest zu: Die Herstellung der Wurst wird vorgeführt, danach wird sie an Dorfbewohner und Besucher verteilt. Das Kirschenfest in Agios Lavrentios, das Birnenfest in Milies, das Apfelfest in Zagora und das Kastanienfest in Xorychti sind weitere Feste, die die örtlichen Erzeugnisse mit Musik, Tanz und Gesang feiern.

Eines ist sicher: Verlassen Sie den Pelion nicht, ohne ein traditionelles Panigyri erlebt zu haben.

Das „Schlachten“ des Daouli

Früher nahm, sobald ein ausgelassenes Fest zu Ende war, einer der Gäste ein großes Messer und „schlachtete“ das gespannte Fell des Daouli, der großen zweiseitigen Trommel. Warum? Man wollte nicht, dass das Instrument, das einen so gut unterhalten hatte, bei einem anderen Fest für andere spielt.

Kultursommer

Jeden Sommer veranstalten die Gemeinden und Kulturvereine des Pelion – allen voran die Sommerveranstaltungen der Gemeinde Zagora-Mouresi – erfolgreiche und bei Besuchern sehr beliebte Events, die die kulturelle Vergangenheit und Gegenwart des Pelion zeigen. Auf dem Programm stehen Nachstellungen der Pelion-Hochzeit und alter Dorffeste, Theater, Workshops, Ausstellungen, Konzerte und Treffen von Volkstanzgruppen.

Brunnenbräuche

Schließlich hat der Pelion auch besondere Bräuche rund um seine Dutzenden von Brunnen. Der bekannteste, der bis heute gepflegt wird, ist das „Bewirten des Brunnens“ am Neujahrstag. An diesem Morgen gehen die jungen Frauen zum Brunnen und legen Weizenkörner, Haselnüsse, ein Stück Neujahrsbrot und andere Gaben ab, um ihn gnädig zu stimmen, ihm für das klare Wasser des vergangenen Jahres zu danken und sich zu wünschen, dass er nie versiegt.

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