
Wie viele Regionen Griechenlands hat auch das Pelion seine ganz eigene traditionelle Architektur – und die zieht Sie in jedem seiner Dörfer vom ersten Blick an in ihren Bann.
In der späten osmanischen Zeit erlebte das Pelion eine große wirtschaftliche und kulturelle Blüte, und eines ihrer Zeichen war ein beispielloser Bauboom. Es entstanden immer mehr Häuser und Herrenhäuser, die Elemente der städtischen Architektur jener Zeit mit Befestigungen verbanden und so die einzigartige Bautradition des Pelion begründeten, die bis heute lebendig ist. Die Dörfer füllten sich mit Herrenhäusern und Wohnhäusern aller Größen und Typen, die Besucher bis heute bewundern. Doch nicht nur die Herrenhäuser prägen die Gegend: Auch die vielen Kirchen, die Brunnen, die gepflasterten Plätze, die Brücken und die Kalderimia (alte gepflasterte Saumpfade) machen die Pelion-Dörfer zu einigen der ursprünglichsten Siedlungen Griechenlands. Kein Zufall also, dass mehrere von ihnen, etwa Vizitsa, Pinakates und Makrinitsa, als geschützte traditionelle Siedlungen ausgewiesen sind.
Herrenhäuser
Was man am Berg der Kentauren zuerst bewundert, sind die vielen alten, gut erhaltenen Herrenhäuser. Die meisten haben zwei oder drei Stockwerke und einen dicken Steinkörper, denn sie sind aus Stein und Platten aus den Steinbrüchen des Pelion gebaut. Das obere Stockwerk kragt meist über das untere hinaus und hat viele Fenster; typisch sind außerdem das Steindach, geschnitzte Holztüren und Fensterläden sowie verzierte Decken. Diese Herrenhäuser trotzen bis heute dem Zahn der Zeit und stehen so stattlich da wie eh und je; etliche wurden zu traditionellen Gästehäusern oder Museen umgebaut.
Die Architektur des Pelion-Hauses lässt sich in drei große Perioden einteilen, verteilt über rund drei Jahrhunderte Bautätigkeit, vom 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die erste Periode, die der „frühen Pelion-Architektur“, umfasst Bauten, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden, und war eine Zeit schöpferischer Vorarbeit. Damals wurden Türme gebaut, deren erste von den Wohntürmen der türkischen Großgrundbesitzer Thessaliens beeinflusst waren. Es sind drei- oder vierstöckige Bauten mit quadratischem Grundriss, aus Stein errichtet, mit Geschossdecken aus Stein und Holz. Die wehrhafte Bauweise, der massive Steinkörper, die doppelten Mauern, die Schießscharten, der erhöhte Eingang mit einer besonderen Öffnung darüber (der „Zematistra“, aus der man siedende Flüssigkeit auf Angreifer goss), die wenigen, kleinen, symmetrischen Fenster und die Erker oder „Exostega“ im obersten Stock auf hölzernen Streben sind nur einige ihrer Merkmale. Nur sehr wenige dieser Türme sind erhalten, und viele wurden später so verändert, dass ihr ursprüngliches Aussehen verloren ging. Typische Beispiele sind die Türme Konstantinidis und Skoteiniotis in Makrinitsa sowie die Türme Olympiou und Kokoslis in Ano Lechonia. Ein weiteres sehr eindrucksvolles frühes Turmhaus ist der befestigte Turm des Suleiman oder Karagiannis, ebenfalls in Ano Lechonia. Obwohl er heute eine Ruine ist, ohne sein oberstes Stockwerk und mit eingestürzter Nordwestseite, steht er noch immer stolz da und trotzt beharrlich der Zeit.
Die zweite, „klassische“ Periode mit Häusern nordgriechischen Typs reicht von 1750 bis 1850; nun taucht das bürgerliche Herrenhaus auf. Gebaut werden die Herrenhäuser jetzt von Baumeistern aus Epirus und Makedonien, die sich im Pelion niedergelassen haben, die Geheimnisse ihres Handwerks bestens kennen und die Architektur der Zeit prägen. Unter ihnen ragen die Zoupanioten heraus, Baumeister aus der Gegend des heutigen Pentalofos bei Kozani, das damals Zoupani hieß, angeführt vom berühmten Dimos Zipaniotis. Die meisten Herrenhäuser dieser Zeit haben einen L-förmigen Steinsockel und zwei oder drei Stockwerke, und ihre Bauweise erinnert stark an die frühen Türme. Jeder Raum ist für einen bestimmten Zweck gestaltet, die Mauern sind in Abständen mit Holzankern verstärkt, und die oberen Stockwerke bestehen aus einem leichten Material, dem Tsatmas (Holzfachwerk mit Füllung). Das Erdgeschoss, das „Katoi“, hat wenige, kleine Fenster und dicke Steinmauern, die die Temperatur niedrig und gleichmäßig halten; es diente als Vorratsraum. Darüber liegt das erste Stockwerk oder „Mesopatoma“ (Zwischengeschoss) mit niedriger Decke und Kaminen, in dem die Familie den Winter verbrachte. Im dritten und obersten Stockwerk, leicht gebaut und für den Sommer gedacht, liegen der Haupteingang und viele große Fenster mit bunten Oberlichtern. Hier befindet sich auch das „Doxato“, ein großer Raum an der Vorderseite, von dem aus die übrigen Zimmer zu erreichen sind, sowie der „Kalos Ontas“ oder „Mousafir Ontas“, der wichtigste Empfangsraum. Das oberste Stockwerk kragt meist über die unteren hinaus und bildet die „Sachnisia“ (Erker). Das Dach ist mit Schieferplatten aus dem Pelion gedeckt und steht weit über, um das Haus vor der Witterung zu schützen. Innen, vor allem im Kalos Ontas, gibt es reiche Malereien und Wandbilder sowie geschnitzte Holztüren und Wandschränke. Außen fallen die Steinreliefs, Ziermotive und Inschriften ins Auge.
Eines der typischsten Herrenhäuser des Pelion und ein Musterbeispiel dieser Periode ist das Herrenhaus Topalis in Makrinitsa, ein dreistöckiger, befestigter Bau von 1844, in dem heute das Museum für Volkskunst und Geschichte des Pelion untergebracht ist. Kennzeichnend sind die Steinmauern, das Holzdach mit Schieferplatten, die hölzernen Fenster und Türen, die Schießscharten und das Wehrtürmchen mit Zinnen auf dem Dach. Im Erdgeschoss lagen die Vorrats- und Wirtschaftsräume, im ersten Stock die Zimmer, in denen die Familie im Winter wohnte, und im zweiten Stock die Sommerräume. 1985 wurde das Herrenhaus zum Kunstwerk und denkmalgeschützten historischen Monument erklärt.
Die dritte Periode, die der „späten Pelion-Architektur“, umfasst die dreißig Jahre von 1860 bis 1890. Damals entstanden einige monumentale klassizistische Bauten, errichtet von wohlhabenden Pelioniten, die aus Ägypten zurückgekehrt waren. Sie sind moderner und innovativer, mit „akademischen“ Elementen und Einflüssen aus der Architektur der Ägypten-Griechen jener Zeit, und markieren den Übergang von der traditionellen zur klassizistischen Architektur. Auch diese Herrenhäuser haben zwei oder drei Stockwerke und zeichnen sich durch schlichte Linien, Marmordetails und vollkommen symmetrische Fassaden aus. Kunstvolle hölzerne Eingangstüren, große symmetrische Fenster, Balkone mit Eisengeländern, breite Treppen und Dreipassbögen runden das Bild ab, und der Haupteingang führt nun direkt in den langgestreckten Saal. Typische Beispiele dieser Zeit sind die Herrenhäuser Zoulias, Kantartzis und Tsopotos in Portaria, das Herrenhaus Xiradakis in Tsagarada, das Herrenhaus Chatziargyris in Alli Meria, das Herrenhaus Tzortzis in Agios Georgios Nileias und andere.
Kirchen und Klöster
Natürlich sind es nicht nur die Herrenhäuser, die Besucher begeistern und die besondere Bautradition des Pelion ausmachen. Dazu gehören auch die überall verstreuten Kirchen, die mit ihrer eigenwilligen Architektur und ihrer eindrucksvollen Innenausstattung auffallen und die Landschaft mit ihrer Schönheit bereichern. Mönche, Priester, Ikonenmaler und einheimische Handwerker haben sie gebaut und ausgeschmückt. Der Berg der Kentauren ist übersät mit alten und neuen Klöstern, Kirchen und kleinen Kapellen, die mit ihren geschnitzten Ikonostasen (Bilderwänden vor dem Altarraum), Fresken und Ikonen ebenso beeindrucken wie mit ihrem stattlichen Äußeren. Die meisten besitzen alte, wertvolle geschnitzte Ikonostasen, wunderschöne Ikonen und Wandmalereien, bemerkenswerte Gravuren und Steinreliefs sowie zahlreiche liturgische Geräte.
Ein wahres Schmuckstück des Pelion ist die dreischiffige Basilika Agia Marina in Kissos mit ihrer eindrucksvollen vergoldeten Ikonostase und ihren von außen „unsichtbaren“ Innenkuppeln. Sehenswert sind außerdem Agia Kyriaki in Zagora mit ihrer vergoldeten Altartür; Agios Georgios in Agios Georgios Nileias mit seiner beeindruckenden steinernen Uhr und 50 alten Steinreliefs; die Kreuzkirche Agios Apostolos o Neos in Agios Lavrentios; die kleine Höhlenkirche Panagia Goritsa bei Agria; Agios Ioannis Prodromos (Johannes der Täufer) in Anakasia mit hervorragenden Fresken, großen Ikonen und einem imposanten Glockenturm; die Steinkirche Agios Athanasios in Anilio mit ihrer kunstvoll geschnitzten Ikonostase im Barockstil und dem prächtigen Bischofsthron; die dreischiffige Basilika Agioi Apostoloi (Heilige Apostel) in Argalasti mit ihrem mächtigen Marmorglockenturm – und viele mehr.
Der berühmte Baumeister Dimos Zipaniotis, von dem schon die Rede war, baute nicht nur Herrenhäuser, sondern auch viele Kirchen im Pelion, etwa Agios Athanasios in Agios Georgios Nileias, die Steinkirche Agios Ioannis Prodromos in Afetes und das Kloster Agios Ioannis Prodromos in Vizitsa. In vielen Kirchen stammen die Ikonen und Wandmalereien wiederum vom bekannten Volksmaler Ioannis Pagonis aus Chionades in Epirus.
Brunnen
Wahre Kunstwerke und Schätze des Kentaurenbergs sind auch die Hunderte von Brunnen, die über alle Dörfer verstreut sind. Auch sie sind ein typisches und eindrucksvolles Beispiel der Pelion-Architektur, fester Bestandteil jedes Dorfes und mit viel Hingabe von einheimischen Handwerkern gebaut. Man findet sie meist auf den Plätzen, neben Kirchen oder auf Schulhöfen, draußen in der Landschaft oder entlang der Kalderimia – bereit, Vorbeikommende mit ihrem klaren, sprudelnden Wasser zu erfrischen und mit ihrer Architektur zu beeindrucken. Es sind kleine Bauten, meist aus Stein, in großer Formenvielfalt, und sie stammen aus dem späten 18. und vor allem aus dem 19. Jahrhundert.
Die Brunnen lassen sich nach ihren Merkmalen in zwei Typen einteilen: „einfache“ und „überdachte“. Einfache Brunnen lehnen an einer Steinmauer und haben an der Vorderseite eine einfache oder doppelte Bogennische, in deren Mitte die „Choufta“ sitzt (wörtlich „Handvoll“), der Auslauf, aus dem das Wasser fließt. Links und rechts gibt es kleinere Nischen, die „Paratheres“ („Fensterchen“), um Kleinigkeiten abzustellen. Am Boden befindet sich die „Gouva“, ein gemauertes oder aus einem einzigen Stein gehauenes Becken, das zum Tränken der Tiere und zum Wäschewaschen diente. Abgerundet wird das Bild von einer Inschrift mit dem Namen des Stifters und dem Baujahr, verziert mit Steinreliefs.
Der zweite Typ, der „überdachte“ Brunnen, ist aufwendiger gebaut als der einfache. Er hat einen quadratischen Grundriss, ein Holzdach mit Schieferplatten, das Schatten spendet, zwei Pfeiler, Steinsäulen oder Holzpfosten, die das Dach tragen, sowie eine Steinmauer wie beim einfachen Brunnen, an der sich die Ausläufe befinden. Daneben gibt es einen selteneren Typ, den „gewölbten“ Brunnen in Form einer kleinen Kapelle, mit steinernen Bänken, auf denen Vorbeikommende rasten können. Typische überdachte Brunnen sind der steinerne Brunnen „Mousga“ von 1888 in Vizitsa, der Brunnen Sevastous in Zagora, der Brunnen Manolakis in Milies und viele andere.
Die Brunnen sind mit Steinreliefs geschmückt, die Pflanzen und Tiere zeigen (Blumentöpfe, Blumen, Tiere, Vögel und mehr), Szenen aus Mythologie und Geschichte, aber auch religiöse Motive (christliche Symbole wie das Kreuz und Cherubim).
Neben der Schönheit, die sie dem Ort schenken, und dem frischen Wasser für Wanderer sind die Brunnen auch anthropologisch hochinteressant. Hier trafen sich die Frauen des Dorfes, hier wurden Ehen angebahnt, und oft wurden hier auch Streitigkeiten beigelegt. Viele sind mit Mythen und Überlieferungen verbunden, wie der Brunnen Myriovrytis bei Argalasti: Er soll einst ein wunderschönes Mädchen gewesen sein, das ein eifersüchtiger Geist in einen Brunnen verwandelte. Zahlreiche Volkslieder und Legenden erzählen von ihnen und zeigen, wie viel sie unseren Vorfahren bedeuteten.
Ihre Namen schließlich haben ganz unterschiedliche Ursprünge. Sie können auf den Stifter zurückgehen, der den Bau bezahlte (etwa der Brunnen Giannakou in Horto oder der Brunnen Mourogianni in Ano Lechonia), auf die Eigenschaften des Wassers (wie Vromovrysi, der „stinkende Brunnen“, oder der Brunnen Athanato Nero, „unsterbliches Wasser“), auf ihren Standort (zum Beispiel der Brunnen Kakonas in Makrinitsa), auf Ereignisse, die dort stattfanden (wie der Brunnen „Choreftria“, „Tänzerin“, in Koukourava bei Makrinitsa, weil rund um ihn Feste und Tänze stattfanden), oder auf den Handwerker, der sie baute.
Brücken
Auch die Brücken gehören zur unverwechselbaren Architektur des Pelion und zeugen vom Können und der Leidenschaft der Baumeister aus Epirus und Westmakedonien. Man findet sie in vielen Pelion-Dörfern, und sie ziehen immer die Blicke der Besucher auf sich. Die meisten sind aus Stein, mit Bogen, und fügen sich perfekt in die umgebende Natur ein. Manche sind mit Legenden und Überlieferungen verknüpft, wie die Holzbrücke des Rovoam in Agios Ioannis, andere spielten an wichtigen Wendepunkten der Geschichte des Pelion eine bedeutende Rolle. Zu den eindrucksvollsten zählt die eiserne Eisenbahnbrücke De Chirico oder Taxiarchis bei Milies, an der Strecke der Pelion-Bahn. Dieses eiserne „Wunder“, wie man es nennt, entwarf der italienische Ingenieur Evaristo de Chirico, Vater des Malers Giorgio de Chirico. Auch die Gegend um Argalasti hat viele schöne Brücken, etwa die bei Katsilochori oder die Brücke über den Bach von Rodia, und Afetes besitzt drei hübsche Steinbrücken über den drei Schluchten, die das Dorf durchziehen und bis nach Afissos hinabführen.
Pelion in 6 Kapiteln
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